
Vor einigen Tagen tauchte er plötzlich hier auf. Niemand schien ihn zu bemerken – zu viele Dinge zu erledigen, zu wenig Zeit, und das hektische Leben hindert uns oft daran, auf die kleinen Dinge zu achten. Er war so klein, dass er sich leicht im Schatten einer alten Backsteinmauer verstecken konnte, an einem Ort, wo der trockene Zement bröckelte und der Boden nach Staub roch.
Er machte kein Geräusch. Er rief niemanden. Er stand einfach da. Auf seinen zitternden, zerschundenen Beinen, die blutig waren, und mit Wunden auf seinem Rücken, die längst nicht mehr bluteten, weil alles, was herausfließen konnte, längst geflossen war. Seine Haut erinnerte an zerknittertes Pergament – trocken, rissig, mit grauen und roten Flecken, als wäre die sanfte Hündchen-Haut abgerubbelt und nur der Schmerz geblieben.
Als ich ihn zum ersten Mal sah, stand er mit dem Rücken zu den Vorübergehenden. Er hatte sich von dieser Welt abgewandt. Irgendwie schien er zu wissen, dass er zerbrechen würde, wenn er einem Menschen wieder in die Augen sah. Ich trat näher und blieb stehen.
Der Welpe drehte sich nicht um. Er rührte sich nicht. Sogar seine Augen … Als ich direkt gegenüber stand und der Wind etwas von dem Dreck von seinem kleinen Gesicht wehte, sah ich diese Augen. Geschlossen. Doch aus den Ecken, entlang des ausgedorrten Fells, liefen Tränen. Wahre, langsame, schwere. Er weinte. Lautlos, machtlos. Wie jemand, der die Hoffnung verloren hat.
Und plötzlich realisierte ich, dass die Mauer, an der er sich versteckte, über und über mit Zeichen versehen war. Mit den Spuren von Stöcken, von Füßen. Hier wurde er geschlagen. Tag für Tag. Aus welchem Grund – das konnte niemand sagen. Sie gingen einfach vorbei, traten ihn, einfach weil sie es konnten. Er glaubte, dass der Ziegel ihn beschützt. Dass zumindest diese Wand ihn nicht verraten würde.
Doch eines Tages kamen andere. Die, die amüsiert waren. Und sie schoben ihn von der Mauer weg. Warfen ihn in eine Pfütze. Und gingen.
Ich weiß nicht, wie er zurück gekrochen ist. Ich weiß nicht, wie lange er dort stand, unfähig, weder zu gehen noch zu liegen. Aber als ich ihn sah, in diesem kleinen, geplagten Etwas, wurde mir eines klar: die Mauer schützte ihn nicht mehr. Und er wartete immer noch.
Ich nahm meinen Schal, den ich seit vielen Jahren trage, und legte ihn vorsichtig, langsam, um ihn nicht zu erschrecken, über seinen zerbrechlichen Körper. Er wehrte sich nicht. Aber er vertraute mir auch nicht. Er blieb einfach still. So als würde er nicht glauben, dass dies nicht das Ende sei. Ich hob ihn vorsichtig in meine Arme, als wäre er aus dünnem Glas, und ging nach Hause.
Mit jedem Schritt schwang etwas Schweres in meiner Brust. Ich spürte, wie er zitterte. Seine Haut war heiß – nicht von Wärme, sondern von Entzündung. Seine Augen öffneten sich nicht mehr. Ich trug ihn, und innerlich fühlte ich, als würde ich die ganze Last des fremden Schmerzes mit mir herumtragen.
Zuhause breitete ich eine Decke neben dem Heizkörper aus und legte ein Handtuch unter seinen Kopf. Er aß nicht. Er trank nicht. Er lag einfach nur da. Er atmete, unregelmäßig und angestrengt.
Die erste Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich saß daneben. Einfach nur da. Sah ihn an. Und betete, dass er überleben würde.
Am dritten Tag machte er eine Bewegung. Versuchte, seinen Kopf zu heben. Ich hielt ihm einen feuchten Schwamm an die Schnauze. Er leckte daran. Dann blieb er wieder still. Aber das war der erste Schritt.
Ich nannte ihn Kohlenstück. Nicht, weil er schwarz war – von seiner vorherigen Farbe war nichts mehr übrig. Sondern weil er trotz allem noch glühte. Kaum sichtbar, aber in ihm war ein Funke.
Dann begannen die Infusionen, die Salben, die Ernährung durch die Spritze. Er ertrug es. Nie knurrte er. Er schaute nur. Und zum ersten Mal, als ich ihn zwischen den Ohren streichelte, schloss er die Augen – nicht vor Angst, sondern vor Erleichterung.
Eine Woche später versuchte er, sich zu erheben. Er fiel um. Versuchte es erneut. In der zweiten Woche – machte er zwei Schritte. Fiel. Aber er weinte nicht. Er wollte leben.
Ein Monat verging. Kohlenstück bekam ein neues, kurzes, aber lebendiges Fell. Seine Augen wurden heller. Er begann, mit dem Schwanz zu wedeln. Vorsichtig, zögerlich. Doch ich weinte, als ich sah, wie er das erste Mal selbstständig zu seinem Napf lief.
Heute schläft er auf dem Sofa. Ausgestreckt, als ob er nie gewusst hätte, was es heißt, kalten Beton unter dem Rücken zu haben. Er spielt mit einem Ball, springt auf, wenn er Schritte an der Tür hört. Aber wenn er eine Männerstimme hört, die er nicht kennt – zieht er sich zurück. Denn die Erinnerung ist stärker als alles.
Manchmal geht er zur Wand im Flur. Setzt sich. Lehnen sich an. Wie damals. Ich komme näher, setze mich neben ihn und sage leise: „Du musst dich nicht mehr verstecken. Du bist zu Hause.“
Wir wissen nicht, wie viele wie er jetzt an der Wand stehen. Wir wissen nicht, wen wir nicht erreichen werden. Aber wenn jeder von uns wenigstens einmal kurz stehen bleibt, sich hinsetzt und sieht – vielleicht wird eine dieser Wände zusammenbrechen. Und irgendjemand, wie Kohlenstück, wird wieder glauben können. An das Leben. An Wärme. An die Menschen.
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